Herr Stalder, Sie kehrten im April von Ihrem Einsatz als Sonderkorrespondent in die Schweiz zurück. Nun fliegen Sie aber erneut und bis auf weiteres nach Japan. Fühlen Sie sich von Katastrophen angezogen?
Nein, in der Regel überlege ich sehr genau, was ich jeweils mache. Ich kann ganz gut ohne Katastrophen leben. Angezogen werde ich vom Land und den Leuten sowie angetrieben von einer gewissen Abenteuerlust.
Über Japan liest man mittlerweile nicht mehr viel, obwohl noch immer Radioaktivität aus dem AKW Fukushima austritt. Was wissen Sie über die Situation momentan?
Klar, das Medieninteresse liegt nicht mehr bei Japan. Obwohl: Aus den AKW Fukushima Daiichi tritt weiterhin Radioaktivität aus, die Gesamtbelastung steigt mit jedem Tag. Zwar ist die Belastung sehr lokal und betrifft nur die Gegend rund um das AKW.
Haben Sie keine Angst, verstrahlt zu werden?
Tokio ist 240 Kilometer entfernt, dort ist die Gefahr gering.
Doch gewisse Nahrungsmittel sollten Sie meiden.
Ja, Produkte aus gewissen Regionen sollte man meiden. Doch diese werden von den Bauern oder von den Behörden auf ihre Strahlenbelastung hin kontrolliert.
Auswärts essen werden Sie jedoch nicht mehr. Oder muss man das nicht so eng sehen?
Man muss gesunden Menschenverstand walten lassen. Auch in der Schweiz kann ich auf dem Fussgängerstreifen von einem Auto überfahren werden. Wenn ich in Tokio auswärts essen gehe, vertraue ich dem Koch, dass dieser mir nichts Böses zufügen und mir kein radioaktiv verstrahltes Essen servieren will.
Nachbeben sind ebenfalls sehr wahrscheinlich.
Ja, diese Gefahr besteht durchaus. Zumal ja das grosse Erdbeben in Tokio - von dem alle seit langem sprechen - bisher ausgeblieben ist. Wer nach Japan geht, lässt sich auf ein gewisses Erdbebenrisiko ein, doch diese Gefahr schätze ich nicht sehr gross ein.
In Japan werden Sie nicht mehr für SRF arbeiten, sondern zuerst Ihr Japanisch verbessern.
Ich kann Japanisch sprechen und verstehen, jedoch auf relativ bescheidenem Niveau. Kinderbücher verstehe ich. Für mich hat es auch mit Respekt gegenüber einem Land zu tun, wenn man die Sprache lernen will und verbessert.
Was wollen Sie sonst noch tun?
Ich bin sehr offen. In den Bereichen Journalismus und Kommunikation würde ich gerne weiterhin arbeiten. Sobald ein passendes Angebot kommt, werde ich es prüfen.
Dass Sie nach Japan auswandern erstaunt nicht: Sie kennen das Land seit 18 Jahren, sind seit 15 Jahren mit einer Japanerin verheiratet. Und nach 10 Jahren bei der Tagesschau erstaunt eine Veränderung nicht. Doch warum gerade jetzt, kurz nach der Katastrophe?
Wir hatten den Wunsch - längere Zeit einmal in Japan zu leben - schon lange und nun bot sich auf Sommer 2011 die Ausreise an. Natürlich haben wir wegen der Katastrophe vom 11. März nochmals alles hinterfragt, sind aber zum Schluss gekommen, dass wir trotzdem gehen.
Sie gehen also nicht, weil das Land jetzt für einen Korrespondenten besonders attraktiv ist?
Natürlich ist es interessant mitzuerleben, wie sich Teile des Landes wieder aufrappeln.
Woran denken Sie?
Vieles ist im Nordosten des Landes zerstört. Deshalb stellt sich die Frage: Wie gehen der Staat und die Privaten mit dieser Situation um? Welche Auslandinvestitionen wird es geben? Und wie wird sich die Energiepolitik entwickeln? Es ist interessant zu sehen, wie Japan damit umgeht. Im Sommer zum Beispiel wird es zu wenig Strom geben, da dann alle Klimaanlagen in Betrieb sind. Was macht man dann?
Wenn Sie weiterhin für die Schweiz arbeiten wollen, müssen Sie mit der grossen Zeitdifferenz leben, sprich oft bis um 04.00 Uhr arbeiten. Sind Sie schlaftypisch eine Eule?
Klar, bei Liveschaltungen fürs Schweizer Fernsehen ist das mühsam. Als mich im März die 19.30-Uhr-Tagesschau live aufschaltete, geschah dies um 03.30 Uhr Ortszeit. Doch wann ich aufstehe spielt für mich keine grosse Rolle. Ich bin weder Eule noch Lerche. Ich muss einfach schauen, dass ich genügend Schlaf kriege.
Der 11. März hat den Alltag der Japaner stark verändert. Sie waren in Tokio während des starken Erdbebens. Wie haben Sie persönlich diesen Tag erlebt?
Ich war am Morgen in der Schule, ass dann zuhause mein Mittagessen, eine O-Bento-Box, dann setzte ich mich an den Computer und während ich ein E-Mail an einen Kollegen in der Schweiz schrieb, fing es an zu schütteln. Ich überlegte noch, ob ich nun einen Witz schreiben sollte: "Wieder mal so ein Erdbeben ". Dann merkte ich aber, dass ich aufhören sollte zu schreiben. Mir gingen all die Ratschläge durch den Kopf, was man bei Erdbeben machen soll. Ich erinnerte mich, dass man unter den Tisch kriechen sollte, doch wir hatten einen Glastisch und dies war daher keine so gute Idee Ich stellte mich daher in den Türrahmen und ging kurz später auf die Strasse, wo schon viele Leute standen, und überlegte, was ich machen sollte. Ich war unsicher, ob es sich nun um ein oder das grosses Erdbeben handelt oder nicht. Zur Sicherheit - vielleicht typisch schweizerisch beschloss ich, aus einem Geldautomaten 80000 Yen (rund 900 Franken) herauszulassen. Zurück in der Wohnung packte ich dann mein Handy sowie eine Jacke und ging in den Shinjuku-Park. Lange herrschte Unsicherheit, über Lautsprecher und TV wurden Warnungen ausgestrahlt. Dann konnte ich endlich wieder Kontakt aufnehmen zu meiner Frau - später zum Schweizer Fernsehen. Die Leute in Zürich fragten, ob sie zu mir schalten könnten.
Wie erfolgt eine solche Schaltung?
Zuerst telefonisch. Eine Liveschaltung über Ton und Bild ist nur möglich, wenn eine sogenannte "Duplex-Position" zur Verfügung steht.
Gab es eine Duplexposition in Ihrer Nähe?
Ja, die Koordinationsstelle von SF teilte mir den Ort mit, wo sich ein Vertragspartner mit einer Duplex-Einrichtung befindet, damit ich dort einen Stand-up machen kann. Da machte ich mich auf den Weg - zu Fuss. Da der ÖV wegen des Bebens nicht fuhr und alle Taxis besetzt waren, musste ich die Streck zu Fuss zurücklegen. Eineinhalb Stunden war ich unterwegs. Ich wusste ungefähr, wo ich durchgehen musste, da ich diesen Stadtteil einigermassen kannte und mich meine Frau per Telefon lotsen konnte. Weil es zeitlich nicht reichte, verpasste zwar die "Liveschaltung mit bewegtem Bild" in die Mittagstagesschau um 12.45 Uhr ganz knapp und konnte mich dann halt ab 16 Uhr in die Sondersendung einschalten.
Sie waren 90 Minuten unterwegs und konnten somit keine Agenturen überwachen oder TV-Sendungen sehen. In Ihrer ersten Einschaltung: Was berichteten Sie da?
Ich nahm in Kauf, während meiner "Reisezeit" newsmässig nicht abgedeckt zu sein. Im Gegenzug konnte ich einen Eindruck gewinnen von den Leuten in den Strassen. Dies schilderte ich dann auch. Ich kam dann aber schnell wieder an die News, über meinen Computer und den Fernseher bei der Produktionsfirma. Schnell war ich wieder auf dem neusten Stand der Meldungen und verfolgte auch die lokalen Medien und Twitter-Nachrichten.
Welche anderen Quellen nutzen Sie?
Dadurch, dass meine Frau Japanerin ist und ich regelmässig in diesem Land bin, konnte ich auf ein verzweigtes Netzwerk zugreifen. Ich telefonierte, skypte und mailte bereits in den ersten Stunden mit Ärzten, Ingenieuren und Botschaftsmitarbeitenden.
Dann, rund einen Tag nach dem Beben, kam ja die drohende Kernschmelze in Fukushima dazu. Wie verlässlich waren dort die Informationen?
Es war sehr schwierig die kommunizierten Werte richtig einzuschätzen. Zum Glück ist meine Frau Ingenieurin. So konnte sie mir einerseits mit Fachauskünften weiterhelfen und anderseits Kontakte zu Experten vermitteln. Es war sehr wichtig, Ärzte zur Verfügung zu haben, die mir sagen konnten, was nun genau "ein Millisiewert pro Stunde" oder "hundert Becquerels pro Liter im Trinkwasser" bedeuten. Ich musste einschätzen können, in welchem Verhältnis diese Werte zur erlaubten Strahlendosis stehen.
Neben der Bewertung der Information muss auch die Quellenüberprüfung schwierig gewesen sein.
Klar, im ersten Moment kommunizierten vor allem die Regierung und die Betreiberfirma Tepco. Das wäre in der Schweiz nicht anders. Doch relativ rasch gab es auch unabhängigere Informationen von Privaten, die eigene Messdaten ins Internet stellten. Es bildete sich dann quasi ein paralleles Informationssystem über Social Media, das sehr rasch funktionierte. Die Informationen der Behörden und diese aus unabhängigeren Quellen oder auch von Greenpeace deckten sich praktisch immer und erfolgten fast gleichzeitig.
Hatten Sie überhaupt Zeit sich Gedanken über Ihre eigene Situation, Ihre Sicherheit und Gesundheit, zu machen?
Selbstverständlich habe ich darüber nachgedacht, was diese Strahlenbelastung oder die Gefahr von Nachbeben für mich selber bedeuten. Journalismus in Ehren; aber ich bin auch ein Mensch. Ich sagte mir: von einem Erdbeben oder einem Tsunami kann ich mich in Sicherheit bringen, während aber eine radioaktive Wolke eine nicht fassbare, nicht greifbare Bedrohung darstellt, dies machte mir sicherlich mehr Angst.
Überlegten Sie auszureisen?
Wir reisten für ein paar Tage in die Nähe von Nagoya. Gänzlich auszureisen war zwar durchaus ein Gedanke, weil ja verschiedene Atomkraftwerke und mehrere Reaktoren mit Problemen zu kämpfen hatten. Aber meine Frau und ich entschieden uns zu bleiben.
Die Schweizer Boulevardpresse vermisste Schicksale: tragische Bilder mit Tränen und schmerzverzerrten Gesichtern.
Es gibt solche Bilder, Einzelschicksale, weinende Leute. Und mittlerweile kann man diese Bilder auch im Internet betrachten. Aber es ist schon so: Die Leute in Japan waren während der ganzen Katastrophe extrem gefasst. Trotzdem gibt es etwa in der Region Fukushima Bauern, die sich das Leben genommen haben, weil sie keine Zukunft für sich und ihren Betrieb sahen. Darüber wurde auch berichtet.
Worauf legten Sie besonderen Wert in Ihrer Berichterstattung?
Mir war es wichtig, dass ich möglichst sachlich und klar die vorliegenden Informationen und Fakten vermitteln konnte. Ich versuchte auch, die zum Teil in Europa herrschende Panikmache etwas zu bremsen. Die Katastrophe ist und war gross und schrecklich genug, da braucht es keine "künstliche" Verschlimmerung, auch wenn das einige Journalistenkollegen gerne gesehen hätten.
Haben Sie bereits Reisevorbereitungen gemacht oder sind daran?
Der Umzug ist in vollem Gange, und in der Wohnung in Zürich stehen überall Schachteln herum. Und man macht - beziehungsweise ich mache auch Fehler. So hatte ich in einem ersten Anfall alle meine Socken, welche eine schon etwas dünnere Zehenpartie hatten, raussortiert und die Socken jeweils am Ende des Tages nicht zur schmutzigen Wäsche gelegt, sondern in den Müll entsorgt. Dann merkte ich, dass ich diese Socken besser kurz vor der Abreise hätte brauchen können, als eine Art Einwegsocken, wenn man nicht mehr Waschen kann oder will. Nun, jetzt sind sie halt schon weg. Aber wenn das am Ende der einzige Fehler beim Umzug nach Japan sein wird, dann bin ich wirklich ein sehr glücklicher Mensch (lacht).
Interview: Edith Hollenstein